Move The Kraut
Bestimmte geschichtliche Tatsachen ereignen sich bisweilen zweimal, bemerkte Hegel mal irgendwo. Marx verbesserte ihn und fügte hinzu: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Handelt es sich um Deutsche auf der Suche nach ihrer Identität, muss man die Reihenfolge allerdings umdrehen und das Bild ein bisschen krumm konstruieren: Die Sache beginnt mit einer kleinbürgerlichen Witzfigur aus Österreich und endet in Stalingrad. Nicht ganz so dramatisch, aber dieser Gesetzmäßigkeit durchaus folgend nehmen sich die Scharmützel auf den Nebenkriegsschauplätzen aus: zum Beispiel Deutsch-Sein und Kultur. Oder konkreter: Popmusik und Deutschland.
Als vor zehn Jahren Heinz Rudolf Kunze und Dieter Thomas Heck eine Deutschquote für das nationale Radio forderten und Ole Seelenmeyer vom »Genozid an der deutschen Rockmusik« sprach, wusste man plötzlich, warum man vor diesen Menschen immer einen körperlichen Ekel empfunden hatte. Und irgendwie war damals alles noch in Ordnung: Alle Bands, die man gut fand, reagierten angemessen auf diesen Scheiß. Tocotronic lehnten auf der PopKomm. 1996 vor laufender Kamera einen Preis ab, der die Band als »jung, deutsch und auf dem Weg nach oben« beschleimen sollte, Die Sterne stellten ein für alle Mal klar: »Ich scheiß auf deutsche Texte!«, und Jochen Distelmeyer erklärte in der Beute den verdutzten Feuilletonisten, dass Blumfeld-Texte eigentlich keine »deutschen« Texte seien, »weil es da nicht um das Behaupten und Festschreiben der ›eigenen‹ Identität geht, sondern um deren Auflösung, um den Versuch, zu jemand anderem eine Beziehung aufzubauen, in der ein ›Du‹ möglich ist, außerhalb des Gewaltverhältnisses von Identitäten.« Auch in der aufstrebenden HipHop-Szene gab man nicht viel auf das Geschwätz einer schwäbischen Newcomer-Band, die sich den Medien eifrig als »erste konsequent deutschsprachige HipHop-Band« andiente: »Unter konsequent deutschsprachig verstehen wir, dass wir deutsche A.k.a.s [Künstlernamen] wie auch einen deutschen Bandnamen haben.« An einer anderen Stelle sagte Smudo: »Schwarze Rapper wie Public Enemy oder Ice T provozieren und stacheln auf. Wir machen Spaß und Party mit Aussage.« Tja, das waren noch Zeiten, als das Kokettieren mit der schwarz-rot-goldenen Identität ästhetisch eindeutig uncool und bäh war und der Begriff »Deutschrap« eine Lachnummer, vergleichbar mit dem Versuch, Jazz aus Deutschland dem Konsumenten als z. B. »Deutschjazz« zu verkaufen.
Die Zeiten ändern sich, und der Diskurs um deutsche Identität hat sich vom krächzenden Dreckspatz zum mächtigen Nazgul gemausert. Allerorten ist man sich einig, dass es irgendwas bedeutet, Deutscher zu sein, dass man sich auf die Suche begeben muss nach einem verschütteten Erbe, einem verloren gegangenen Empfinden. Die Protagonisten dieses neuen Gesprächs über »unser Deutschland« heißen nicht mehr Gorny, Kunze und Heck, sie haben keine Schmerbäuche und sehen auch nicht bescheuert aus. Sie machen elektropunkige Musik, wie wir sie lieben, sie sind sexy und haben Style. Sich gegen ein solches Aufgebot zu wehren ist weniger einfach. Eine Farce entlarvt man mit einer lässigen Geste, einer ausgewachsenen Tragödie fällt man schnell als Statist zum Opfer.
Für seine Januar-Ausgabe gelang es dem Kaufhaus-Magazin WOM-Journal, Tomte-Sänger Thees Uhlmann als Gastschreiber zu sich hinabzuziehen. Thees sollte über ein Jahr schreiben, »in dem sich viel in der deutschen Popmusik verändert hat.« Eingebettet war die Story in die Erfolgssparte »Pop aus Deutschland«. Mit seinem Artikel macht Thees im Grunde das Richtige: Zu Mia.s neonationalistischer Hurra-Deutschland-Debilität [siehe hierzu auch den Artikel auf S. 42] schreibt er: »Das alles wirkt wie eine Band-Kampagne, die sich Jürgen Möllemann zusammen mit der Jungen Freiheit ausgedacht hat.« Und zu der neuen Diskussion um Deutsch als Pop-Sprache bemerkt er kurz und schmerzlos: »Mein Gott, wie kleinkariert muss man sein, dass man die Sprache über die Musik setzt!« Trotz dieser eindeutigen Worte hat man nicht das Gefühl, dass das WOM-Journal nun weniger von der Vermarktung des Popstandortes Deutschland halten würde. Tocotronic mussten erfahren, dass die Möglichkeiten der Kontrolle über das eigene Schaffen im erstarkenden Deutsch-Diskurs zunehmend geringer werden. »Mit Erschütterung« nahm die Band zur Kenntnis, dass ihr Song ›Hi Freaks‹ auf einem Sampler mit dem schmucken Titel ›Heimatkult – New German Liedgut‹ gelandet ist. Die Souveränität der gezielten Zurückweisung weicht dem verzweifelten Dementi.
Weniger Berührungsängste mit dem neuen deutschen Selbstbewusstsein hat man da in Teilen der HipHop-Szene. Wo sich 1999 das Feuilleton der Zeit darüber freute, dass »der Sprechgesang aus dem schwarzen Getto deutsch geworden« ist, folgen nun von den Aktivisten selbst eindeutige Aussagen. Der Berliner Rapper Akteone, der eben sein neues Album beim renommierten Underground-Label Bassboxx herausgebracht hat, bringt das umständliche Gerede der Walser und Hohmänner auf eine griffige Punchlinie: »Mann, Deutschland erwache! (...) Siehst du nicht, was der Ami vorhatte, als er dich aufbaute für seine eigene Sache?« Akteone ist natürlich kein Nazi. Er will einfach nur mal Dampf ablassen: »Unser Land ist so schwach, weil es ständig nachgibt. Meiner Generation tut’s Leid, was ihre Ahnen getan haben, aber muss mein Kind jetzt leiden und nur noch im Ami-Arsch graben? Immer ›Ja und Amen‹ sagen? Amerikanische Namen tragen? Auch so’n Psycho-Schaden haben und die Kultur seiner eigenen Art verraten? Für was denn?! Egal, über was man spricht, egal, ob Rap oder nicht, Anglizismen erobern unsere Sprache wie nichts.« Im Refrain bleibt Akte dann auch konsequent: »Das ist Deutschrap! Deutsche Produktion, deutscher Text. Deutsche Probleme in Szene gesetzt.« Bzw. Deutsche kauft nur bei Deutschen!
Diese Volksempfänger-Lyrics finden in den bisherigen Rezensionen zu Aktes Album prompt naive Zustimmung: »›Deutschrap‹ ist mein persönliches Highlight auf dem Album«, schreibt ein Journalist des Magazins Bumbanet, »ein kritischer Text, der sich mit der Amerikanisierung der Gesellschaft und der daraus resultierenden Abhängigkeit zu Amerika auseinander setzt.« Wo Mia. und Co. noch darum bemüht sind, ihre neonationalistische Attitüde im semi-linken Szene-Charme daherschlendern zu lassen, zapft der CNN der unterdrückten Deutschrapper, Akteone, gleich den Strom des kollektiven Volksbewusstseins an. Passend zu dieser Entwicklung gibt es im Internet seit Januar 2004 eine Neuauflage der Debatte »Nazis diskutieren über Deutschrap« (xxxKasten2xxx). Und auch hier scheint sich die Farce des Anfangs zu einer Tragödie auszuweiten.
Tocotronic zum Erscheinen ihres Songs ›Hi Freaks‹ auf dem Sampler ›Heimatkult‹:
»Wir haben nichts davon gewusst. (...) Wir lehnen seit Anbeginn aller Zeiten Nationalismus, Deutschtümelei und Heimatverehrung ab, gerade heutzutage, wo wie durch alle möglichen glanzvollen Wunder das neue deutsche Selbstbewusstsein erweckt wird, und weigern uns, uns und unsere Musik unter solche Begriffe subsumieren zu lassen, zumal nahezu alle unsere Stücke in Fachchinesisch geschrieben wurden.«
Statements von deutschen Nationalisten aus einer Diskussion über HipHop im Freien Forum:
»Schaut euch auf den Straßen um. Sehr viele Jugendliche sind HipHopper, die Schulen sind voll davon! So etwas darf sich die Nationale Bewegung nicht entgehen lassen. Wenn es nationale Leute gibt, die das wirklich richtig gut drauf haben, dann spricht absolut nichts dagegen. Ich vermute sogar, dass wir damit sehr, sehr viel erreichen könnten!«
»Die Zeiten haben sich geändert. Und wenn es sein muss, dass ich Schwarzen-Musik mit deutschen Texten spielen muss, um das Volk zu wecken, dann tue ich es, auch wenn ich es heute gar nicht kann. Jedes Mittel ist mir recht, um mein Land und Volk zu befreien.«
Quelle: www.intro.de